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"Wir wollen Fresenius mit Augenmaß umbauen"

Vorstandsvorsitzender Stephan Sturm im Interview über das „Fresenius der Zukunft“, nachhaltiges Wachstum, die Konzernstruktur und den Ukraine-Krieg.

Dialyse unter schwierigen Bedingungen während des Kriegs in der Ukraine.

Herr Sturm, in der Ukraine tobt derzeit ein schrecklicher Krieg, der vielen Menschen großes Leid bringt. Was tut Fresenius, um den Menschen zu helfen?

Stephan Sturm: Wir helfen in vielerlei Hinsicht. Indem wir die Dialyse unserer Patienten in der Ukraine, unter teils schwierigsten Bedingungen, weiterhin aufrechterhalten. Indem wir dringend benötigte Medikamente, Blutkonserven und andere Medizinprodukte ins Land bringen, trotz der zunehmend komplizierten Logistik. Indem wir mit vor Ort engagierten Hilfsorganisationen zusammenarbeiten und diese bei ihrer Arbeit mit erheblichen Spenden unterstützen. Aber auch mit Hilfsangeboten für Geflüchtete. Mein großer Dank geht an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich mit viel Energie und Mut für unsere Patienten vor Ort einsetzen. Aber auch an diejenigen, die sich privat für die Ukraine-Hilfe engagieren: herzlichen Dank!

Fresenius ist immer noch in Russland tätig. Ist nach den schrecklichen Bildern aus Butscha nicht endgültig Zeit dafür, sich aus Russland zurückzuziehen? 

Sturm: Mir gehen diese furchtbaren Bilder auch sehr nah. Das ist zutiefst erschütternd und verstörend. Und der Impuls, dem Geschehen dringend ein Ende setzen zu wollen, ist sehr menschlich. Da geht es mir nicht anders als vielen unserer Kolleginnen und Kollegen. Dennoch gilt es, so schwer es fallen mag, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wir tragen für unsere Patienten in Russland dieselbe Verantwortung wie für alle anderen Patienten, die sich uns anvertraut haben. Wir können und dürfen Menschenleben nicht gegeneinander aufrechnen. Wer wären wir, den Wert des einen Menschenlebens höher zu gewichten als eines anderen – nur wegen des Merkmals der Herkunft oder des Wohnorts oder eines politischen Regimes, das einen Krieg vom Zaun bricht?

Können wir also gar nichts tun, um das russische Regime unter Druck zu setzen? 

Sturm: Unser Anspruch lautet, immer mehr Menschen mit immer besserer Medizin zu versorgen – nachhaltig und überall auf der Welt. Dazu gehört, auch in Ländern tätig zu sein und zu bleiben, in denen viele Menschen nach wie vor keinen Zugang zu vernünftiger medizinischer Versorgung haben. Das gilt auch für Russland. Es geht darum, Menschen zu helfen, die unsere Hilfe verdienen. Ein vollständiger Rückzug aus Russland ist für uns deswegen keine Option, jedenfalls kein freiwilliger. Klar ist aber auch: Solange das Putin-Regime an der Macht ist, werden wir unser Engagement in Russland nicht weiter ausbauen. Sämtliche Investitionen haben wir auf Eis gelegt. Und wir werden weiterhin ausschließlich das in Russland anbieten, was von unseren Patienten dringend benötigt wird. Gewinne machen wir damit im Übrigen keine. 

Veränderungen im Vorstand

Harter Schnitt: Blicken wir auf unser Unternehmen. Wie ist denn die Zwischenbilanz nach den ersten Monaten des Jahres?

Sturm: Kurz gesagt: gut. Vielleicht sogar noch etwas besser, als wir es im Februar erwarten durften, insbesondere bei Fresenius Helios und Fresenius Kabi. Bei Fresenius Medical Care und Fresenius Vamed liegen wir auch voll im Plan. Die Coronapandemie belastet zwar nach wie vor. Und der Ukraine-Krieg, Probleme in den Lieferketten und vor allem die teils erheblichen Kostensteigerungen geben auch keinen Anlass zur Euphorie. Wir können unter diesen Umständen trotzdem zufrieden sein mit dem Start in das Jahr 2022. Wir rechnen jedenfalls weiterhin mit insgesamt gesunden Zuwächsen bei Umsatz und Gewinn in diesem Jahr. Das finde ich ermutigend und erfreulich.

Zeitgleich zu den Quartalsergebnissen wurde bekannt, dass gleich zwei Vorstände von Bord gehen. Gibt es da einen Zusammenhang zur zuletzt eher holprigen Geschäftsentwicklung?

Sturm: Nein, beide Personalien sind vollkommen unabhängig voneinander zu sehen. Rice Powell wird in diesem Jahr 67 Jahre alt. Rice erfüllt seinen Vertrag und wird Ende des Jahres nach 25 Jahren bei Fresenius Medical Care in den verdienten Ruhestand gehen. Mit Dr. Carla Kriwet haben wir frühzeitig eine sehr gute Nachfolgerin gefunden, die Fresenius Medical Care gemeinsam mit dem ganzen Managementteam in eine erfolgreiche Zukunft führen wird. Bei Rachel Empey haben persönliche Gründe zur Entscheidung geführt, Fresenius nach intensiven und herausfordernden Jahren zu verlassen. Ihren Weggang bedauere ich. Aber ich respektiere die Entscheidung natürlich. Auch hier haben wir eine hervorragende Lösung gefunden, und zwar aus den eigenen Reihen: Sara Hennicken, die unseren Finanzbereich leitet und in den letzten Jahren eng mit Rachel zusammengearbeitet hat, wird den Job übernehmen. Ich bin sehr dankbar für das, was Rice und Rachel für Fresenius geleistet haben, und ich wünsche beiden alles Gute. Gleichzeitig freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit den beiden neuen Vorstandskolleginnen. Wir sind und bleiben ein starkes Team.

Sturm: "Wir sehen bei Fresenius Kabi die besten Wachstumsaussichten und die größte Ertragskraft."

Das „Fresenius der Zukunft“

Ein Team, das viel Arbeit vor sich hat. Sie haben im Februar bei der Bekanntgabe der Ergebnisse auch Möglichkeiten aufgezeigt, wie Fresenius sich künftig verändern könnte. Wie sieht das „Fresenius der Zukunft“ aus? 

Sturm: Im Kern geht es darum, dass Fresenius langfristig, nachhaltig erfolgreich bleibt – und für möglichst viele Menschen Nutzen stiften und Mehrwert schaffen kann. Vor einem Jahr habe ich deswegen mit Bedacht unsere künftige Struktur zum Thema gemacht. Denn die soll uns bestmögliche Rahmenbedingungen für unser weiteres gesundes Wachstum geben. Das Ergebnis auf den Punkt gebracht: Fresenius ist auf Gesundheit fokussiert. Und in verschiedenen Bereichen erfolgreich. Das bleibt auch in Zukunft so – aber wir schärfen unser Profil.

Und wie machen wir das?

Sturm: All unsere Unternehmensbereiche haben starke Marktpositionen mit hervorragenden Wachstumschancen. Dieses Potenzial wollen wir heben. Wachstum aus eigener Kraft bleibt für uns die Basis. Aber wir wollen auch größere strategische Wachstumsschritte machen. Sprich: erhebliche Investitionen tätigen, etwa bei der digitalen Transformation, oder große Übernahmen durchführen. Dafür müssen wir unser verfügbares Kapital klug verteilen und neues beschaffen – und dann dort einsetzen, wo es den größten Mehrwert bringt. Deshalb öffnen wir uns für intelligente Partnerschaften. So wollen wir ein dynamischeres Wachstum und die Vorteile einer breiten, diversifizierten Struktur bestmöglich miteinander verbinden.

Bei der Kapitalverteilung und künftigen Investitionen soll Fresenius Kabi an erster Stelle stehen. Warum?

Sturm: Wir sehen bei Fresenius Kabi, das mit seinem Pharmageschäft auch unseren historischen Kern darstellt, die besten Wachstumsaussichten und die größte Ertragskraft. Jahrzehntelang haben wir unser Dienstleistungsgeschäft vorangetrieben und ausgebaut. Jetzt wollen wir unser Produktgeschäft stärker fördern. Mit dem Programm „Vision 2026“ hat Fresenius Kabi wichtige Weichen gestellt. Im Mittelpunkt stehen drei Themen: das biopharmazeutische Angebot, klinische Ernährungsprodukte und die Expansion der Medizintechnik. Dabei machen wir bereits Nägel mit Köpfen. Denn die jüngst angekündigte Mehrheitsbeteiligung an mAbxience und die Akquisition von Ivenix zahlen genau darauf ein. 

"Fresenius bleibt auf Gesundheit fokussiert."

Sie schließen nicht aus, dass wir uns von Fresenius Medical Care trennen könnten. Warum sollten wir gerade aus dem Dialysegeschäft aussteigen? Um das Wachstum von Fresenius Kabi zu finanzieren?

Sturm: Fresenius Medical Care hat durch die Coronapandemie besonders gelitten. Aber die weiteren Zukunftsaussichten sind ungebrochen positiv. Es geht nun darum, diese Wachstumschancen bestmöglich zu nutzen – unter unserem Dach oder durch Übergabe in neue Hände, die das womöglich noch besser können als wir. So ein Verkauf müsste aber zum Vorteil aller Stakeholder, insbesondere auch der Beschäftigten sein und wäre daher sehr sorgfältig abzuwägen. Ich wiederhole gerne: Wir wollen Fresenius mit Augenmaß umbauen und nur solche Optionen nutzen, die unser langfristiges Wachstum unterstützen. Ich sage aber auch ganz klar: Ein solcher Verkauf ist keineswegs beschlossene Sache. Wir müssen Fresenius Medical Care nicht verkaufen, um das Wachstum in anderen Unternehmensbereichen zu finanzieren. 

Es gab auch schon Gerüchte, dass Fresenius im Markt einen 20-Prozent-Anteil von Helios anbietet und deswegen jede fünfte Helios-Klinik zum Verkauf steht …

Sturm: Wir haben im Februar gesagt, dass wir offen für geeignete Partner sind, die sich am weiteren Wachstum von Helios beteiligen. Es geht darum, Helios insgesamt noch größer und besser zu machen. Das bedeutet zweierlei: Erstens würde es hier um einen Anteil am Unternehmen Helios gehen, nicht um einzelne Krankenhäuser oder Einrichtungen, die wir in andere Hände gäben. Zweitens wäre ein solcher Schritt eng verknüpft mit einem konkreten größeren Wachstumsschritt, den wir dann gemeinsam mit einem solchen Partner anstreben würden. Auf eine kurze Formel gebracht: Wir investieren in das weitere Wachstum von Helios – Helios bleibt integraler Bestandteil von Fresenius.

Sturm: "Wir haben in der Pandemie Enormes geleistet."

Belastungen durch die Pandemie

Sie haben Fresenius insgesamt ein striktes Sparprogramm verordnet. Welche Rolle spielt hierbei die Pandemie? 

Sturm: Wir haben in der Pandemie Enormes geleistet. Allein im vergangenen Jahr haben wir mehr als 42.000 Corona-Patientinnen und -Patienten in unseren Krankenhäusern behandelt. Wir haben alles getan, um bei wichtigen Arzneimitteln und Medizinprodukten stets lieferfähig zu bleiben – auch bei teils deutlich gesteigerter Nachfrage. Wir haben insgesamt weit über eine Million Menschen gegen das Virus geimpft. Und obwohl wir so viel geschafft haben, hat uns die Pandemie als Unternehmen hart getroffen und bleibt auch noch eine Weile eine starke Belastung. 

Das klingt paradox …

Sturm: Trotz aller Bemühungen sind überdurchschnittlich viele Dialysepatientinnen und -patienten an Covid-19 gestorben. Das ist zuallererst in jedem einzelnen Fall eine menschliche Tragödie. Für Fresenius Medical Care bedeutet diese Übersterblichkeit aber auch, dass Behandlungen ausgefallen sind. Das wiederum heißt: geringere Umsätze bei weiterhin höheren Kosten. Ähnlich sah es 2021 in den Helios-Kliniken aus. Hier hatten wir höhere Ausgaben für Hygienemaßnahmen. Weniger Behandlungen und Operationen bedeuten außerdem weniger Nachfrage nach Produkten von Fresenius Kabi. Und auch Fresenius Vamed hat gelitten: unter den Reisebeschränkungen und der Zurückhaltung von Auftraggebern.

Sie betonen immer wieder den Anspruch, Fresenius biete „immer bessere Medizin für immer mehr Menschen“. Nützen Sparbemühungen und Profitstreben nicht in erster Linie den Aktionärinnen und Aktionären? 

Sturm: Bei allem, was wir tun, steht das Wohl der Patientinnen und Patienten an erster Stelle. Wenn wir sie gut versorgen, sind wir auch wirtschaftlich erfolgreich. Einfach ausgedrückt: Geht es den Patienten gut, dann geht es dem Unternehmen gut. Und dann geht es auch den Aktionärinnen und Aktionären gut. Das gilt auch umgekehrt: Unser wirtschaftlicher Erfolg ist die Basis für immer bessere Medizin. Denn unsere Gewinne investieren wir wieder und ermöglichen so eine überdurchschnittliche medizinische Qualität. Das sieht man zum Beispiel bei Helios. Die Kliniken werden von 95 Prozent der Patientinnen und Patienten weiterempfohlen. 

"Es kann aber nicht nur darum gehen, dem Kapitalmarkt zu gefallen."Allerdings hat sich der Börsenwert von Fresenius seit 2017 mehr als halbiert. Wie ist das zu erklären? 

Sturm: Auch ich bin mit der aktuellen Kursentwicklung nicht zufrieden und sie spiegelt auch nicht die Entwicklung unserer Kennzahlen wider. Schauen wir uns nur das Jahr 2021 an: Wir haben trotz Pandemie unseren Umsatz währungsbereinigt um fünf Prozent gesteigert, ebenso unseren Gewinn. Das ist mehr, als wir zu Beginn des Vorjahres erwartet hatten. Wir arbeiten weiter daran, das Vertrauen der Kapitalmärkte in uns als ein verlässliches, wachstumsstarkes Unternehmen zu stärken. Und sicher müssen wir uns auch immer fragen, was uns für Aktionärinnen und Aktionäre noch attraktiver macht. Es kann aber nicht nur darum gehen, dem Kapitalmarkt zu gefallen und an der Börse zu glänzen. Wir müssen die richtigen Entscheidungen treffen, um unser Geschäft nachhaltig zu entwickeln – zum Wohle aller unserer Stakeholder. Wenn das gelingt, spiegelt sich das auch in unserer Bewertung wider.

Sturm: "Wir wollen unsere direkten und indirekten Treibhausemissionen bis zum Jahr 2030 um die Hälfte reduzieren und bis 2040 klimaneutral werden."

Nachhaltigkeit und Klimaziele

Bleiben bei all diesen Überlegungen dringliche Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz auf der Strecke? 

Sturm: Keineswegs. Wir haben erst kürzlich – parallel zur Bekanntgabe unserer Bilanzzahlen – für Fresenius ein Klimaschutzziel festgelegt. Es steht im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens, die globale Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. Wir wollen unsere direkten und indirekten Treibhausemissionen bis zum Jahr 2030 um die Hälfte reduzieren und bis 2040 klimaneutral werden. Fresenius gehört nicht zu den größten CO2-Emmitenten. Trotzdem tragen wir als global agierender Gesundheitskonzern die Verantwortung, den Klimawandel aktiv zu bekämpfen und Belastungen für die Umwelt so gering wie möglich zu halten. 

Was ist denn konkret geplant, um den CO2-Fußabdruck zu verringern? 

Sturm: Wir haben unseren weltweiten Stromverbrauch als einen der wichtigsten Steuerungsfaktoren identifiziert. Also werden wir den Einkauf von Strom aus erneuerbaren Energien schrittweise deutlich erhöhen. Außerdem intensivieren wir unsere Bemühungen, die Energieeffizienz zu steigern. 

Trotz vieler Krisen und Herausforderungen also auch Fortschritte, über die man sich freuen kann. Worauf freuen Sie persönlich sich in den kommenden Wochen und Monaten denn am meisten?

Sturm: Zunächst wünsche ich mir, dass der schreckliche Krieg in der Ukraine bald ein Ende findet. Und dass wir die Coronapandemie endlich hinter uns lassen können – jedenfalls die vielen Einschränkungen, die uns über die letzten beiden Jahre beruflich und privat belastet haben. Als CEO von Fresenius freue ich mich aber vor allen Dingen darauf, gemeinsam mit allen Kolleginnen und Kollegen Fresenius weiter voranzubringen. Unser Ziel ist und bleibt, Mehrwert zu schaffen und Nutzen zu stiften für alle Beteiligten. Mit dem, was wir seit 110 Jahren am besten können: hochwertige Medizin zu bezahlbaren Preisen, und das bedarfsgerecht für immer mehr Menschen in der Welt, die medizinische Versorgung brauchen. Kurz gesagt: immer bessere Medizin für immer mehr Menschen.

Veröffentlicht im Juni 2022

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